Gefühle machen Geschichte - eine Zusammenfassung
vom Interview mit Luc Ciompi über Affektlogik, Kriegslogik und Friedenslogik für junge Leser und für alle mit wenig Zeit zum Lesen
Photo: Eine Aussicht auf den Fluss Aare in Bern. Das Interview mit Luc Ciompi wurde in Bern geführt.
Dies ist die gekürzte Fassung unseres Gesprächs mit Luc Ciompi. Die vollständige Version finden Sie hier.
Luciano „Luc“ Ciompi, geboren 1929 in Florenz in Italien und aufgewachsen in der Schweiz. In Bern war er Professor für Sozialpsychiatrie, bekannt vor allem für seine Forschung zu Schizophrenie und für die Gründung der Wohngemeinschaft Soteria Bern für Menschen in akuten psychischen Krisen. Sein aus der Sicht der Interviewerin sehr wichtiger Beitrag, der weit über die Psychiatrie hinausreicht, ist das Konzept der Affektlogik.
In seinem Buch „Gefühle machen Geschichte“ (2011), das er mit der deutschen Soziologin Elke Endert schrieb – untersucht Ciompi, wie Gefühle nicht nur unser persönliches Leben prägen, sondern auch die Geschichte. Gefühle beeinflussen, wie Menschen handeln und warum Kriege ausbrechen oder Frieden möglich wird. Das Buch hat ihn weit über Fachkreise hinaus bekannt gemacht. Im Jahr 2025 erhielt er für sein Lebenswerk den WinWinno-Preis des Internationalen Dachverbands für Mediation.
Für die Interviewerin ist es ein wichtiges Anliegen, dass das Wissen über sein Werk insbesondere im Kontext von Krieg und Frieden sich verbreitet.
Was bedeutet Affektlogik?
Die Interviewerin bittet Ciompi zu Beginn, den Begriff der Affektlogik zu erläutern.
„Affektlogik“ – das klingt kompliziert, ist aber im Kern sehr einfach: Gefühle und Denken arbeiten immer zusammen. Wir Menschen treffen keine rein rationalen Entscheidungen. Selbst wenn wir glauben, ganz neutral zu sein, wirken im Hintergrund immer Emotionen.
Ciompi erklärt, dass Gefühle wie Angst, Freude, Wut oder Trauer wie Filter wirken. Wer Angst hat, nimmt überall Gefahren wahr. Wer wütend ist, findet überall Gründe für Ärger. Wer entspannt oder glücklich ist, sieht Schönes und hat offene Gedanken. Gefühle sind dabei nicht nur Angst und Freude – auch feinere Nuancen und Stimmungen wie Gereiztheit, Gelassenheit oder Neugier gehören dazu.
Der amerikanische Psychologe und Nobelpreisträger in Wirtschaftswissenschaften Daniel Kahneman hat in seinem berühmten Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ gezeigt, dass unser „rationales“ Denken oft stark von unbewussten Emotionen beeinflusst wird. Ciompi geht noch weiter und zeigt, wie das nicht nur bei Einzelnen, sondern auch in Gruppen, Gesellschaften und in der Geschichte wirkt.
Wie Ciompi zur Affektlogik kam
Die Interviewerin fragt nach den Wurzeln seiner Theorie.
Ciompis Konzept ist das Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit. Seine berufliche Laufbahn führte ihn durch viele Bereiche:
Zunächst arbeitete er als Psychiater, beeinflusst von der Psychoanalyse, wo Emotionen eine zentrale Rolle spielen.
Später bildete er sich in systemischer Familientherapie fort, um komplexe Beziehungsgeflechte besser zu verstehen.
Inspiriert hat ihn auch der Schweizer Psychologe Jean Piaget, der erforschte, wie sich das Denken bei Kindern entwickelt.
Aus der Chaostheorie lernte Ciompi, wie komplexe Systeme – wie Gesellschaften oder das menschliche Denken – manchmal plötzlich ihren Zustand ändern können, wenn Spannungen zu gross werden.
Nach seiner Emeritierung forschte er am Konrad-Lorenz-Institut in Altenberg bei Wien zu den evolutionären Wurzeln von Fühlen und Denken. All diese Einflüsse bündelte er zu seiner Theorie: Gefühle und Gedanken sind immer miteinander verflochten.
Gefühle als Energie
Ciompi beschreibt Gefühle als eine Form von Energie. Angst treibt uns dazu, Gefahren auszuweichen. Wut motiviert zum Widerstand. Freude zieht uns zu Dingen, die wir mögen. Steigt die emotionale Spannung stark an, kann es zu plötzlichen Umschwüngen kommen – aus Liebe wird Hass, aus Unsicherheit Panik.
Diese plötzlichen „Bifurkationen“ – ein Begriff aus der Chaostheorie – gibt es nicht nur bei Einzelnen, sondern auch in ganzen Gesellschaften. Beispiele sind der Fall der Berliner Mauer 1989, der „Arabische Frühling“ 2009 oder der Sturm auf das Kapitol in Washington 2021. In all diesen Fällen hatten sich kollektive Emotionen über lange Zeit aufgebaut und entluden sich dann plötzlich.
Wie Gefühle unser Denken formen
Gefühle beeinflussen nicht nur unser Handeln in einem Moment, sie prägen auch langfristig unsere Wahrnehmung. Situationen, in denen wir starke Emotionen erleben, speichern sich als Fühl-Denk-Verhaltens-Programme im Gedächtnis. Diese Programme werden in ähnlichen Situationen wieder aktiviert.
Mit der Zeit entstehen persönliche „Eigenwelten“ – emotionale Filter, durch die wir alles sehen. Diese Eigenwelten können sehr unterschiedlich sein. Zwei Menschen können dasselbe Ereignis völlig anders erleben – je nachdem, welche Erfahrungen und Gefühle sie mitbringen.
Von der individuellen zur kollektiven Affektlogik
Die Interviewpartnerin fragt, ob es auch kollektive Gefühle gibt – eine kollektive Affektlogik.
Ciompi betont, dass Affektlogik nicht nur bei Einzelpersonen wirkt. Auch ganze Gruppen, Gesellschaften oder Staaten können gemeinsame emotionale Eigenwelten entwickeln.
Frühe Soziologen wie Émile Durkheim und Georg Simmel hatten kein Problem damit, von kollektiven Gefühlen zu sprechen. Der deutsche Soziologe Niklas Luhmann dagegen lehnte diesen Begriff ab – Gefühle seien individuell. Ciompi widerspricht: Gefühle verbreiten sich durch Kommunikation, durch Medien, durch Symbole – und wenn viele Menschen dieselben Gefühle teilen, entstehen kollektive Emotionen.
Diese kollektiven Gefühle können wie ein Laser gebündelt werden. Dann entsteht grosse Energie – manchmal positiv, wie in Friedenszeiten, wenn Vertrauen und Zusammenarbeit wachsen. Manchmal aber negativ, wenn Angst, Wut oder Hass dominieren. Dann entstehen kollektive Vorurteile und Feindbilder.
Ein extremes Beispiel ist die Massenbegeisterung im Nationalsozialismus. In „Gefühle machen Geschichte“ analysieren Ciompi und Elke Endert, wie Adolf Hitler zunächst unbedeutend war, dessen Rednertalent erst auffiel, als er eine Menschenmenge in München in den Bann zog. Von da an verstärkten sich Redner und Publikum gegenseitig in einer Spirale aus Emotionen – ein klassischer Fall kollektiver Affektlogik.
Schwarmintelligenz
Die Interviewerin bittet Ciompi, das Phänomen Schwarmintelligenz näher zu erklären.
Ein besonderes Phänomen kollektiver Affektlogik ist die Schwarmintelligenz. Ciompi beschreibt sie anhand von Dohlen, die er von seiner Hütte in den Walliser Bergen aus beobachtete. Wenn ein Schwarm von tausend Vögeln Nahrung findet, reagieren alle gleichzeitig, als wären sie ein einziges Wesen. Entsteht Gefahr, fliegen sie im selben Moment auf.
Ähnliche Muster sieht Ciompi bei Menschen. In einem Fussballstadion kann eine „Welle“ (Ola) entstehen, wenn die emotionale Spannung hoch ist. Auf einem Bahnhof kann sich eine Menge blitzschnell in Bewegung setzen, wenn sich der Abfahrtsort eines Zuges ändert. Menschen reagieren oft wie ein Schwarm – emotional angesteckt, aber auch gemeinsam koordiniert.
Positive Führerfiguren
Es gibt sicherlich positive Beispiele charismatischer Führungspersönlichkeiten, die Gesellschaften in eine Friedenslogik führen: Mahatma Gandhi, der Indien ohne Gewalt in die Unabhängigkeit führte; Nelson Mandela, der nach Jahrzehnten im Gefängnis Südafrika versöhnte; oder die Gründungsväter der USA, die eine gemeinsame Verfassung schufen. Auch Jesus sieht Ciompi in diesem Sinn als positive Führerfigur.
Die Interviewerin erinnert an ein Zitat von Reinhold Niebuhr, das sie sehr bewegt:
„Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
Luc Ciompi sagt, der Spruch sei wunderschön, eine richtige Lebensweisheit. Die affektlogische Sichtweise zeige uns die Grenzen unseres Denkens, aber bringe auch Hoffnung.
Friedenslogik und Kriegslogik
Die Interviewpartnerin fragt Ciompi, was er genau unter Friedenslogik und Kriegslogik versteht.
Ciompi unterscheidet zwei Grundhaltungen:
Friedenslogik bedeutet eine entspannte neugierige und respektvolle Beziehung zwischen Völkern. Es gibt Handel, kulturellen Austausch und gegenseitiges Interesse.
Kriegslogik bedeutet, dass Misstrauen, Angst und Hass dominieren. Alles, was der Gegner tut, wird negativ interpretiert. Alte Ressentiments werden wachgerufen, der Gegner wird entmenschlicht.
Diese Logiken können sich schnell verändern – ein Land kann innerhalb weniger Monate von Friedenslogik in Kriegslogik kippen. Ein aktuelles Beispiel ist die Stimmung in Deutschland nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022: aus einer überwiegend pazifistischen Haltung wurde eine starke Unterstützung für Waffenlieferungen.
Anwendung auf aktuelle Konflikte
Die Interviewpartnerin bittet Ciompi, seine Gedanken auf die aktuellen Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten anzuwenden.
Im Israel-Palästina-Konflikt sieht Ciompi eine lange Eskalation. Beide Seiten haben in ihrer Geschichte Verletzungen, Gewalt und Demütigungen erfahren. Die Hoffnungen des Osloer Friedensprozesses 1992 wurden enttäuscht. Extremforderungen – wie der Anspruch auf das gesamte Gebiet oder die Vernichtung des Gegners – und Taten wie Terroranschläge oder Siedlungsbau haben das Misstrauen verstärkt. Der Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 und die massiven israelischen Gegenschläge sind typische Eskalationspunkte einer Kriegslogik.
Im Ukrainekrieg erkennt Ciompi ein ähnliches Muster. Die Spannungen zwischen Russland und der Ukraine reichen weit zurück. Der russische Angriff 2022 war nicht aus dem Nichts, sondern das Ergebnis einer langen Spirale von Misstrauen und Angst.
Möglichkeiten zur Deeskalation
Ciompi verweist auf das Modell des österreichischen Konfliktforschers Fritz Glasl, der Eskalationsstufen von Konflikten beschreibt – von win-win (beide Seiten reden noch miteinander) über win-lose (beide Seiten wollen gewinnen, und setzen auf die Niederlage des Gegners) bis lose-lose (beide verlieren, in der Hoffnung, dass die andere Seite mehr verliert, alles wird zerstört). Jede Eskalationsstufe geht mit steigenden Emotionen einher.
Er betont, dass Frieden nur möglich ist, wenn beide Seiten die Kriegslogik verlassen und wieder in eine Friedenslogik wechseln. Das erfordert oft schmerzhafte Kompromisse.
Für Israel und Palästina sieht er langfristig eher eine gemeinsame laizistische und föderalistische Republik mit gleichen Rechten für Juden und Araber – inspiriert von Denkern jüdischer Herkunft wie Martin Buber, Hannah Arendt und Albert Einstein.
Für die Ukraine und Russland könnte ein Kompromiss auf Basis des derzeitigen Status quo eine Möglichkeit sein: Russland verzichtet auf eine vollständige Eroberung, die Ukraine auf NATO-Beitritt und Rückeroberung von Krim und Donbass.
Eine Botschaft an die junge Generation
Ciompi richtet sich am Ende besonders an junge Menschen. Die Welt scheint oft bedrohlich: Kriege, Klimakrise, Konflikte. Aber er erinnert daran, dass auch frühere Generationen in schwierigen Zeiten lebten. Als er 15 war, tobte der Zweite Weltkrieg. Später drohten Atomkrieg, Wirtschaftskrisen, Terroranschläge wie am 11. September 2001 und die Corona-Pandemie. Trotzdem hat die Menschheit überlebt – weil sie anpassungsfähig ist.
„Das Leben ist zäh“, sagt Ciompi. Und manchmal geschieht das scheinbar Unmögliche – wie die deutsch-französische Versöhnung oder der Fall der Berliner Mauer.
Was „Gefühle machen Geschichte“ bedeutet
„Gefühle machen Geschichte“ bedeutet, dass nicht nur im individuellen Bereich, sondern auch in der grossen und in der Geschichte die Grundkräfte, die das kollektive Geschehen vorantreiben, emotionaler Art sind. Diese Tatsache muss bei jedem Versuch, dieses Geschehen zu verstehen oder zu beeinflussen, zentral berücksichtigt werden. Dies gilt insbesondere auch in Bezug auf Krieg und Frieden.
Appell an die Leser
Liebe Leserin, lieber Leser, – frage Dich aufrichtig, ob Du vorwiegend von einer Hass-, Wut- und Ärgerlogik, oder eher von einer Liebeslogik geleitet bist. Und falls ersteres der Fall sein sollte: Bist Du fähig, den Funken Liebe zu erkennen, der hinter jedem Hass versteckt ist? Ihn zu sehen ist gar nicht so schwer: Denn Du möchtest ja etwas verändern und verbessern - und auch das ist ja eine Art von Liebe, von Liebeslogik, vielleicht sogar Liebe zum grossen Ganzen und zu uns allen. Und damit kannst Du etwas bewirken – und wäre es zunächst nur, dass Du andere damit ansteckst.


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